Kastration bei Hunden: Vor- und Nachteile 

Als Hundebesitzer:innen stehen wir vor vielen Entscheidungen, die das Wohl und die Gesundheit unserer vierbeinigen Freunde betreffen. Eine der grundlegenden Überlegungen dabei ist die Frage nach der Kastration.  Auch wenn die Kastration in der heutigen Zeit oft als Standardverfahren angesehen wird, solltest du die Entscheidung, ob und wann du deinen Hund kastrieren lässt, dir nicht nehmen lassen.

Vorteile der Kastration 

  • Verhaltensbeeinflussung

Kastration kann bei einigen Hunden zu einer Verringerung von unerwünschtem Verhalten führen, wie etwa aggressivem Verhalten gegenüber anderen Hunden, übermäßigem Markieren mit Urin und Streunen auf der Suche nach Paarungspartnern. Aber bedenke, Kastration ist kein Allheilmittel, regelmäßiges Training ist, meines Erachtens, wesentlich effektiver.

  • Gesundheitliche Prävention

Die Kastration kann das Risiko bestimmter Gesundheitsprobleme senken. Bei Hündinnen verringert sich das Risiko von Gebärmutterentzündungen und Gesäugetumoren, bei Rüden das von Prostataproblemen und Hodenkrebs.


Nachteile der Kastration 

  • Verhaltensänderungen:

Die Kastration entfernt die primären Quellen der Geschlechtshormone (Testosteron bei Rüden und Östrogen sowie Progesteron bei Hündinnen), was zu Veränderungen im Verhalten führen kann. Während oft angenommen wird, dass die Entfernung dieser Hormone zu einem ruhigeren Verhalten führt, kann das Fehlen dieser Hormone bei einigen Hunden zu erhöhter Unsicherheit, Angst oder Stress führen, was sich wiederum in einer Zunahme impulsiver Verhaltensweisen äußern kann.

  • Erhöhtes Risiko für orthopädische Erkrankungen:

Studien haben gezeigt, dass kastrierte Hunde, insbesondere wenn sie vor dem Erreichen ihrer vollen körperlichen Reife kastriert werden, ein erhöhtes Risiko für bestimmte orthopädische Probleme wie Hüftdysplasie und Kreuzbandrisse haben können. Dies wird teilweise darauf zurückgeführt, dass die Entfernung der Geschlechtshormone das Wachstum der Knochen beeinflussen kann.


  • Erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsarten

Obwohl die Kastration das Risiko für einige Krebsarten senken kann, wie Hodenkrebs bei Rüden und bestimmte Arten von Brustkrebs bei Hündinnen, gibt es Hinweise darauf, dass sie das Risiko für andere Krebsarten erhöhen kann, darunter Osteosarkom (Knochenkrebs) und Hemangiosarkom, ein Krebs der Blutgefäße.

  • Gewichtszunahme und Übergewicht

Kastrierte Tiere neigen eher zu Übergewicht oder Fettleibigkeit, teilweise aufgrund eines verlangsamten Stoffwechsels und einer verringerten Aktivität. Übergewicht kann wiederum das Risiko für eine Vielzahl von Gesundheitsproblemen erhöhen, darunter Diabetes, Gelenkprobleme und bestimmte Krebsarten.

  • Risiko von Harninkontinenz

Insbesondere bei weiblichen Hunden kann die Kastration das Risiko für Harninkontinenz erhöhen, eine Bedingung, bei der es zu unwillkürlichem Harnverlust kommt. Dieses Problem wird häufiger bei mittelgroßen bis großen Rassen beobachtet.

  • Veränderungen im Fell:

 Bei einigen Rassen können nach der Kastration Veränderungen im Fell auftreten, einschließlich eines dichteren, wolligeren Unterfells, das bei einigen Hunden schwer zu pflegen ist.

  • Erhöhtes Risiko für Hypothyreose

Kastrierte Hunde können ein erhöhtes Risiko für Hypothyreose haben, eine Erkrankung, bei der die Schilddrüse nicht genügend Hormone produziert, was zu Gewichtszunahme, Energiemangel und Fellproblemen führen kann.

  • Jagdtrieb und Impulsivität

Der Jagdtrieb wird bei Hunden nicht nur durch Hormone, sondern auch durch Rasse, Erziehung, Training und individuelle Persönlichkeit beeinflusst. Bei einigen Hunden könnte die Kastration zu einer Abnahme der allgemeinen Hemmungen führen, was in einigen Fällen eine erhöhte Impulsivität oder einen verstärkten Jagdtrieb zur Folge haben kann. Das Fehlen von Geschlechtshormonen beeinflusst zudem möglicherweise die Fähigkeit des Hundes, Stress zu bewältigen, was in stressinduzierten Situationen wie der Jagd zu einer erhöhten Erregung führen kann

Frühkastration: Ein besonderes Augenmerk 

  • Verhalten gegenüber anderen Hunden

Früh kastrierte Hunde zeigen manchmal ein verändertes Sozialverhalten gegenüber anderen Hunden. Dies kann sich in verminderter Aggression, aber auch in einer erhöhten Unsicherheit, einschließlich Angstzuständen und phobischen Verhaltensweisen äußern.

  • Hüftdysplasie, Gelenkerkrankungen und Kreuzbandriss

Frühe Kastration kann das Wachstum beeinflussen, da die Geschlechtshormone auch eine Rolle in der Entwicklung der Knochen spielen. Dies kann bei manchen Rassen zu einem erhöhten Risiko für orthopädische Probleme wie Hüftdysplasie und Kreuzbandrisse oder andere Gelenkerkrankungen führen, insbesondere wenn die Kastration vor dem Abschluss des Knochenwachstums erfolgt.


Fazit 

 Die Entscheidung, ob und zu welchem Zeitpunkt eine Kastration deines Hundes sinnvoll ist, zählt zu den komplexeren Entscheidungen im Rahmen der Tierhaltung. Diese Wahl basiert nicht nur auf einer gründlichen Abwägung gesundheitlicher und verhaltensbezogener Aspekte, sondern berührt auch moralische und ethische Fragen. Es gibt keine universelle Antwort oder "Einheitslösung" für alle Hunde, da die individuellen Bedürfnisse und Umstände jedes Tieres berücksichtigt werden müssen. Entscheidend ist, dass du auf Basis umfassender Informationen und zum besten Wohl deines Hundes handelst.

Für diejenigen, die eine Kastration in Erwägung ziehen, empfiehlt es sich, bei Hündinnen bis nach der dritten Läufigkeit zu warten. Bei Rüden ist es ratsam, den Eingriff erst nach dem Erreichen eines Alters von etwa zwei Jahren durchführen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt haben Hunde in der Regel ihre körperliche Reife erreicht und hatten ausreichend Zeit, erwachsen zu werden. Falls die Option einer chemischen Kastration als eine Art Testlauf überlegt wird, sollte auch diese erst dann erfolgen, wenn der Hund vollständig ausgewachsen ist.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Kastration oft als Lösung für unerwünschtes Verhalten angesehen wird, doch in vielen Fällen erfüllt sie diese Erwartung nicht. Häufig beobachte ich, dass Verhaltensprobleme entstehen, weil die Hundehalter:innen, oft unbewusst, die Führung und klare Strukturen im Zusammenleben mit dem Hund vernachlässigen. Obwohl eine Kastration in einigen Situationen unterstützend wirken kann, ist regelmäßiges Training zwischen Mensch und Hund in der Regel der effektivste Weg, um Verhaltensprobleme zu lösen und eine harmonische Beziehung zu fördern. 


Weiterführende Literatur:  

Udo Gansloßer, Sophie Strodtbeck: Kastration und Verhalten beim Hund - Eine Entscheidungshilfe